Institut für Germanistik: Literatur, Sprache, Medien

Wasserradgetriebene Mühle mit zwei Steinen

Eher beiläufig, auf einer Seite, auf der es um Balkenwagen und die Belastung schräger Seile durch Gewichte geht, zeigt Leonardo auch einen Vorschlag für eine Schleifmühle. In einem hölzernen Rahmen treibt ein Wasserrad eine horizontale Welle, die über ein Kammrad eine vertikale Königswelle antreibt. Von ihr werden die Kräfte dann über ein Kammrad auf gleich zwei Zahnräder abgegeben, die zwei Schleifsteine antreiben. Die Mühle dient hier zum Planschleifen eines metallenen Spiegels, der gegenläufig zu den Schleifsteinen rotiert. Natürlich lässt sich das Prinzip auch auf alle anderen Arten von Mühlen übertragen. Letztlich ist es egal, ob Schleifsteine oder Mahlsteine angetrieben werden – solange die Kraft des Wasserrades groß genug ist, lassen sich von einer Hauptwelle mehrere Nebenwellen mit eigenen Steinen antreiben.

 

 

Leonardo da Vinci, Schleifmühle mit zwei Steinen (Biblioteca Nacional de España Madrid, Codex Madrid I, fol. 163vr; Lizenz: non commercial

 

Die Idee, mittels Kamm- und Zahnrädern von einer Kraftquelle mehrere Steine anzutreiben, hatte um 1440 auch schon der sog. ‚Hussitenkriegsingenieur‘. Zwar sind seine Zeichnungen relativ grob, doch lassen sie das Prinzip gut erkennen. Die Kraftquelle selbst ist nur angedeutet. Der Baum an der Welle deutet auf einen Pferdegöppel oberhalb eines Gewölbes, in dem die Mühle untergebracht ist. Während die Pferde also an der frischen Luft ihre Runden drehen durften, standen die Müller im dunklen Keller. Ebenfalls recht schematisch ist das folgende Bild aus derselben Handschrift. Hier liegt die Hauptwelle waagerecht, wird also möglicherweise durch ein Wasserrad angetrieben. Die Zeichnung scheint anzudeuten, dass je nach Ableitung der Nebenwellen auch Mühlsteine auf zwei Ebenen angetrieben werden können.

 

 

Mühlen mit Haupt- und Nebenwellen (Bayerische Staatsbibliothek München, clm 197 I, fol. 22v, 23r – Lizenz CC BY-NC-SA 4.0)

 

 

 

 

 

 


Ein ganz ähnliches Prinzip verfolgen zwei Mühlen aus dem Weimarer ‚Ingenieurkunst- und Wunderbuch‘. Die in den letzten Lebensjahren da Vincis in Süddeutschland entstandene Handschrift ist zeichnerisch deutlich fortgeschritten, auch wenn die Perspektive zugunsten der Verdeutlichung der schematischen Wirkungsweise der Geräte mitunter hintangestellt wird. In den beiden Skizzen von Mühlen erfolgt der Antrieb über Pferdegöppel. Einmal wird das Pferd fixiert und treibt ein vertikales Laufrad, im anderen Fall hängt es an einem Wellenbaum und geht im Kreis. In beiden Skizzen werden von der Königswelle in teilweise mehreren, komplexen Umlenkungen zwei Mühlsteine angetrieben.

 

Mühlen mit Pferdegöppeln, Haut- und Nebenwellen (Digitale Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Klassik Stiftung Weimar, Fol 328, fol. 28v, 32r – Lizenz: mit freundlicher Genehmigung der Anna Amalia Bibliothek)