Selbsttragende Brücke aus zusammengesteckten Balken

Leonardos Skizze zeigt eine Behelfsbrücke als selbsttragende Bogenkonstruktion. Im Prinzip wurde damit das Flechten auf starre Bauteile übertragen. In der Beischrift betont Leonardo, dass man diese Brücke aus vorgefundenen Hölzern an Flussufern zusammenstecken könne, um einem Heer eine Flussüberquerung zu ermöglichen. Sie braucht weder Nägel noch Dübel, kann durch Äste oder Erdschollen noch abgedeckt werden, kommt ohne Widerlager aus und stabilisiert sich unter Belastung selbst (D. Lohrmann: Codex Madrid I, 2018, S. 158). Heute wird diese Erfindung oft Leonardo zugeschrieben. Als sog. ‚Leonardo-Brücke‘ gilt sie als Vorbild des Brückenstahlbaus, wurde häufig in Modellen oder sogar in größerem Maßstab nachgebaut.

 

Selbsttragende Behelfsbrücke (Biblioteca Nacional de España Madrid, Codex Madrid I, fol. 46r; Lizenz: non commercial)

 

 

Dabei ist diese Brücke keineswegs eine Erfindung von Leonardo. Erwähnt wurde das Prinzip bereits in einer lateinischen Ingenieurshandschrift des deutschen Ingenieurs Konrad Gruter aus dem Jahr 1424 (D. Lohrmann u.a.: Konrad Gruter von Werden, Rom 2006, Kap. 48). Auch zwei eng miteinander verwandte Skizzen im ‚Kriegsbuch‘ des Ludwig von Eyb und im Weimarer ‚Ingenieurkunst- und Wunderbuch‘ kennen exakt dieselbe Konstruktionsweise. Beide Handschriften entstanden noch zu Lebzeiten Leonardos, ohne seine Notizbücher jemals gesehen zu haben. Dies zeigt, dass die ‚Leonardo-Brücke‘ durchaus gebräuchliche Technik war und zum Standardrepertoire eines jeden Kriegsingenieurs gehörte. Beide Handschriften kennen übrigens noch viel komplexere Brückenkonstruktionen, die aus vorgefertigten und in den Zeughäusern aufbewahrten Einzelteilen im Kriegsfall wie Pionierbrücken rasch zusammengesetzt werden konnten.

 

Doppelseitige Darstellung einer selbsttragenden Brücke, oben aus einzelnen Hölzern, unten aus einem vorgefertigten Stecksystem, dazwischen eine mit Seilzug ausfahrbare Brücke (Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, MS. B 26, fol. 146v/147r – Lizenz: mit freundlicher Genehmigung der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg)

 

 

Nahezu identische Abbildung einer selbsttragenden Brücke im Weimarer ‚Ingenieurkunst- und Wunderbuch‘ (Digitale Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Klassik Stiftung Weimar, Fol 328, fol. 55v/56r – Lizenz: mit freundlicher Genehmigung der Anna Amalia Bibliothek)