Home | english  | Impressum | Uni | KIT

Geschichte der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften an der Universität Karlsruhe (TH)

Im großherzoglichen Gründungsedikt für die Polytechnische Schule, später Technische Hochschule und Universität Karlsruhe von 1825 heißt es, die Gründung erfolge aus "Sorge für die Bildung Unseres lieben und getreuen Bürgerstandes".


Einer der frühen Förderer der Schule, der liberale Politiker und Schöpfer der badischen Verfassung von 1818, Carl-Friedrich Nebenius, verstand, wie viele andere, darunter nicht nur die "Erziehung zur Industrie" (Franz Schnabel), sondern auch eine "angemessene höhere allgemeine Bildung".


Einer der Begründer moderner Ingenieurwissenschaft, Ferdinand Redtenbacher, Karlsruher Rektor um die Mitte des 19. Jahrhunderts, definierte die Rolle philosophischer und geschichtlicher Bildung an einer Technischen Hochschule bereits 1840 so: Sie sei gerade auch für die Ausbildung von Ingenieuren wichtig, weil "die rein technische Berufsbildung mit Vernachlässigung aller humanistischen Studien den Techniker im bürgerlichen Leben isoliere und den ideellen Interessen der Gesellschaft entfremde".

 

Die heutige Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Karlsruhe sieht sich in der Tradition von Redtenbachers Konzept, geht aber zugleich davon aus, daß umgekehrt auch eine rein humanistische Ausbildung unter Vernachlässigung technischen und naturwissenschaftlichen Wissens zur Isolierung führt.


Das Monopol humanistischer, also geistes- und sozialwissenschaftlicher Bildung wurde von den klassischen Universitäten gegen Initiativen der Technischen Hochschulen und des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) lange verteidigt, wenn auch bereits Redtenbacher wenigstens die Einrichtung eines Lehrstuhls für Geschichte und Literatur gelang. Sein Inhaber, Hermann Baumgarten, erregte mit seinem Buch "Der deutsche Liberalismus. Eine Selbstkritik", erschienen 1867, erhebliches Aufsehen. Aber erst nach 1920 erreichte die Technische Hochschule Karlsruhe für ihre Allgemeine Abteilung I die universitäre Gleichstellung. Diese war 1896 gegen allerlei Widerstände eingerichtet worden. Sie umfaßte die Sektionen:

a) für Mathematik und
b) für allgemeinbildende Fächer (u.a. mit den Lehrstühlen für Geschichte, Literaturwissenschaft und Volkswirtschaft).

 

1934 kam es zu einer Umbenennung der Sektion b) in Sektion für Allgemeine Geisteswissenschaften, die zwei Jahre später wiederum in die Sektionen für allgemeine Bildung, für Wirtschaftswissenschaften und für Recht aufgeteilt wurde.


Auf Druck der Nationalsozialisten mußten 1936 die traditionsreichen Lehrstühle für Geschichte und für Literaturwissenschaft aufgegeben werden. Sie wurden umgewidmet und den technisch-wissenschaftlichen und militärwissenschaftlichen Ressourcen zugeschlagen, die das nationalsozialistische Regime für die Vorbereitung des Krieges benötigte. Dadurch verloren der bedeutende Karlsruher Historiker Franz Schnabel sowie der Germanist Karl Holl ihre Lehrstühle. Franz Schnabel und seinem Werk verdankt die Geschichtswissenschaft die auch für die heutige und zukünftige Geschichtsschreibung vorbildliche Verbindung von politischer und Gesellschaftsgeschichte mit Technik- und Kulturgeschichte.

 

1937 wurde aus der Allgemeinen Abteilung I die Fakultät für Allgemeine Wissenschaften I und dann einige Jahre später die Fakultät für Naturwissenschaften und Ergänzungsfächer. Diese ergänzungsfächer waren in Bereiche oder Abteilungen aufgeteilt.

 

1946 öffnete die Hochschule nach den Kriegswirren wieder ihre Pforten.

 

1948 wurde die Fakultät für Natur- und Geisteswissenschaften eingerichtet. Sie bestand aus drei Bereichen: Mathematik und Physik, Chemie sowie Geisteswissenschaften, vertreten durch Wirtschaftswissenschaften und Geschichte.
In den 50er Jahren erweiterte die Fakultät ihr Fächerspektrum.Geschichte und Philosophie wurden zunächst als Extraordinariate, später als Lehrstühle eingerichtet. Ordinariate und Institute für Literaturwissenschaft und für wirtschaftswissenschaftliche Disziplinen folgten.

 

In den 60er Jahren kamen die Institute für Rechtswissenschaft und Soziologie hinzu.

 

Im Dezember 1966, im Laufe einer weiteren Neugliederung, entstand endlich eine eigenständige Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften mit den Instituten Volks- und Betriebswirtschaft, Geographie, Geschichte, Philosophie, Literaturwissenschaft, Rechtswissenschaft und Soziologie.

 

1967 schließlich wurden die Lehrstühle für Deutsche Literatur des Mittelalters sowie Musikwissenschaft eingerichtet. Seit dem Jahre 1970 wird die Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften als Fakultät V der Universität Karlsruhe (TH) geführt.

 

1972 schieden die Wirtschaftswissenschaften aus dieser Fakultät aus und gründeten die Fakultät XII.

 

Seit 1975 gehören zur Fakultät die Institute für Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte, Musikwissenschaft, Soziologie, Berufspädagogik und Allgemeine Pädagogik, Sport- und Sportwissenschaft sowie der Studiengang Kunstgeschichte, das Studio für Elektronische Musik und seit 1999 bzw. 2000 die Studienzentren Multimedia (SZM), Journalismus (SZJ) und Kulturarbeit (SZK).

 

1999 hat die Fakultät eine neuartige Studienstruktur eingeführt. Es ging darum, Geistes- und Sozialwissenschaften an einer technisch-naturwissenschaftlich geprägten Universität auf eigenständige Weise neu zu definieren und zu positionieren. So konnte die Fakultät gegenüber den geistes- bzw. sozialwissenschaftlichen Fakultäten klassischer Universitäten ein besonderes Profil in Lehre und Forschung gewinnen. Das Karlsruher Studienmodell verbindet ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Studium mit der Vorbereitung auf Berufsfelder der Informations-, Kommunikations- und Wissensgesellschaft. Zur Förderung dieser neuen Struktur erhielt die Fakultät 1999 als einzige geistes- und sozialwissenschaftliche Fakultät in Deutschland einen Preis des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft als "Reformfakultät". Das Modell ist sogleich ein Modellvorhaben des Landes Baden-Württemberg.

 

Zum Jahresbeginn 2005 wurden das Institut für Soziologie und die seit 1999 stufenweise gegründeten Studienzentren für Multimedia (SZM), Journalismus (SZJ) und Kulturarbeit (SZK) zu einem neuen Institut für Soziologie, Medien- und Kulturwissenschaft (ISMK) zusammengeführt.

 

Die Geschichte der Fakultät belegt, wie komplex das Verhältnis von Geistes- und Sozialwissenschaften, Ingenieur- und Naturwissenschaften war und immer noch ist. Die Fakultät betrachtet eine nachhaltige Gestaltung des Zusammenwirkens der unterschiedlichen Wissenschaftsbereiche als eine ihrer wesentlichen Aufgaben.