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Die Kulturen im Zeitalter der Globalisierung

Die Kulturen im Zeitalter der Globalisierung - 2002
Die Kulturen im Zeitalter der Globalisierung - Plakat
Ein Kolloquium der Universität El Manar Tunis an der Côte de Carthage, 30. und 31. Juli 2002

Prof. Dr. Bernd Thum (Universität Karlsruhe)

 

Die El Manar-Universität Tunis ist die älteste Universität Tunesiens und mit etwa 40.000 Studentinnen und Studenten eine der größeren. Mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung hat sie in einem Tagungshotel an der geschichtsträchtigen "Karthago-Küste" bei Tunis am 30 und 31. Juli 2002 das internationale Kolloquium "Cultures et mondialisation" veranstaltet, über das hier berichtet werden soll. Die Initiatoren der Tagung waren der Präsident der gastgebenden Universität, Professor Youssef Alouane, und der Repräsentant der Stiftung in Tunesien und Algerien, David Robert. Alouane unterstrich den Charakter der Konferenz als Plattform für den spirituellen Austausch zwischen Nord und Süd. Robert kündigte an, dass die Konrad-Adenauer-Stiftung beabsichtige, im Maghreb in Ergänzung zu einem sonst mehr an der Wirtschaft orientierten Programm weitere Kolloquien zu fördern, die dem Austausch von kulturellen Konzepten und kulturspezifischem Wissen gewidmet sind.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kolloquiums an der Karthago-Küste kamen aus Tunesien, Frankreich, Spanien, Malta, Deutschland, der Schweiz und aus der kanadischen Provinz Québec.

 

1. Universelle Werte - Toleranz - Dominanz

Das in Deutschland bei der Erwähnung "universeller Werte" leider wohl unvermeidliche Fragezeichen fehlte sowohl im Programm als auch in den Ausführungen der Redner. Skepsis wurde dennoch deutlich. Sie bezog sich freilich weniger auf die Universalität der Werte. Diese betrachtete man als Leitidee, die sich in einer Sphäre von Respekt und Toleranz entfalten kann. Skeptisch betrachtete man vielmehr die mögliche Dominanz einer einzigen, von ihren Eliten weltweit als vorbildlich betrachteten Kultur, der nordamerikanischen.

Aktuelle Gefahren kamen bei der Konferenz allerdings nur einmal zur Sprache - beim Blick auf die Zustände im östlichen Mittelmeerraum, die der Projektdirektor der in Sevilla ansässigen Stiftung fundación tres culturas del mediterráneo, Toledo Jordán, sozusagen von Amts wegen scharf geißelte: Die Stiftung der "drei Kulturen" arbeitet nicht ohne Erfolg daran, führende Köpfe aus Europa, Israel und dem arabischen Raum im Sinne gemeinsamer Gespräche und Projekte zusammenzubringen. Die Toleranz, die alle dafür aufbringen müssen, entspringt dem offensichtlichen Willen zur Verständigung.

Der heute gültige Begriff von Toleranz hat gegenüber den Toleranz-Lehren der Aufklärung eine Evolution durchgemacht. Diese zu definieren, hatte sich Professor Fantar (Tunis) vorgenommen. Toleranz dürfe nicht mehr, wie zur Zeit der Religionskonflikte in Europa, nur Duldung sein. Ihre Grundlage heute sei vielmehr die Gegenseitigkeit (réciprocité) des Respekts. Dieser Vorgang müsse zugleich von einem umfassenden Gefühl der Freiheit durchdrungen sein (impregné de liberté). Dazu gehöre auch die Integrität und Dauerhaftigkeit der eigenen Kultur und des eigenen Kulturbewusstseins. Dabei sei freilich stets die Sicherheit des Eigenen von der Sicherheit das Anderen abhängig. Der historische Rang der arabischen Kultur sei wie der aller Kulturen grâce aux autres zustandegekommen, verdanke sich also auch anderen Kulturen. Monotheistische Religionen könnten für die Toleranz gefährlich sein, müssten dies aber nicht. Immerhin sei aus Kairouan, der heiligen Stadt Tunesiens ein aus dem 12. Jahrhundert stammender christlicher Grabstein überliefert, auf dem al Todesdatum des Entschlafenen zwar das Todesjahr nach muslimischer Zeitrechnung vermerkt ist, aber bezeichnet als annus infidelium ("Jahr nach Zeitrechnung der Heiden"). Fantar ist Inhaber des Ben Ali-Lehrstuhls für den Dialog der Kulturen an der El Manar-Universität und ein hervorragender Kenner der Kulturgeschichte Tunesiens, die er als Resultat nachhaltiger schöpferischer Verbindungen mit anderen Kulturen begreift. Seine mathematisch sinnlose, aber kulturell potentiell stimmige Formel lautet: 1+1=1. Fantar, ein glänzender Redner, den der Berichterstatter bereits auf einer anderen Konferenz in Tunesien beobachten konnte, zeigt überzeugend, welche Bedeutung die Verbindung wissenschaftlicher Analyse und erzählerischer Annäherung für die kulturelle Orientierung und Selbstvergewisserung hat . Kulturen finden auch über ihre Geschichten zu ihrer Identität. Dabei müssen manchmal auch neue Geschichten erzählt oder die alten aus neuem Blickwinkel umgeschrieben werden.

Der klassische Ansatz, um die Universalität der Werte zu belegen, ist die Suche nach anthropologischen Konstanten. Auf diese Suche ging Professor Jean Luc Nahel, Präsident der Universität Rouen, ein Anthropologe. Sein Beitrag zeigte zahlreiche "Invarianten" aller Menschen und Kulturen auf: von der seit 1960 endgültig bewiesenen genetischen Einheit der Menschheit über gleiche Muster der Mythenbildung, zum Beispiel über die Entstehung der Welt, über ähnliche Vorstellungen von Kindheit und Adoleszenz sowie die weltweiten Veränderungen bei der gesellschaftlichen Stellung der Frauen bis zur entscheidenden Funktion der sprachlichen Sozialisation. Mit Sorge verwies Nahel auf eine andere "Invariante" in den meisten Gesellschaften, nämlich die aktuelle Gefahr einer déculturation während der Adoleszenz, eines oft mit passivem Widerstand, zum Beispiel Schul- und Lernboykott, einhergehenden Desinteresses an der eigenen kulturellen Tradition zugunsten von Lebensmustern insbesondere Amerikas. Dies gelte auch für europäische Länder. Die Schule störe die jungen Menschen nur bei ihren am PC im Internet ausgelebten Phantasmagorien. In einen Zusammenhang damit stellte Nahel den dauernden Verlust an menschlichen Ressourcen durch die Abwanderung der besten Kräfte nach Nordamerika, aus den Mittelmeerländern aber auch nach Westeuropa. Nahel schloß seinen Vortrag mit einer interessanten Wendung: Er forderte von den Menschen aller Kulturen auch Toleranz und Respekt für die Toten, deren Erbe sie sind.

Die in Nahels Analyse zum Ausdruck kommende Sorge wurde im Beitrag von André Poupart, der in Montréal an der französischsprachigen Université de Québec lehrt, zum schwarzen Pessimismus. Die Zugehörigkeit zur französisch-kanadischen Gemeinschaft (communauté) in Québec, die in einem gänzlich englisch-amerikanisch geprägten Umfeld lebt, schärft offensichtlich Blick und Zunge. Am Beispiel der Eliten von Bahrein, die ihre Kinder von Kind an englischsprachig erziehen lassen - mit dem heimischen Arabisch als zweiter Sprache! - könne man, so Poupart, das Ausmaß der Gefahr erkennen. In manchen Kulturen sei man zu keiner eigenen Idee mehr fähig und habe nicht einmal mehr die Energie, amerikanische Begriffe in die eigenen Sprache zu übertragen: "Nous avons perdu la guerre". Poupart wurde in seiner Skepsis von seiner Kollegin Anne Legaré unterstützt, die sarkastisch darauf hinwies, dass kulturelle Unterschiede auch in der "amerikanisch" geprägten Globalisierung überleben könnten - vorausgesetzt, sie ließen sich vermarkten. - Daß im übrigen auch die Europäische Union für ein kleines Land Anlaß zur Angst vor Identitätsverlust gibt, erläuterte der aus Malta angereiste Journalist Emmanuel Grima. Immerhin konnte er den Teilnehmern auch deutlich machen, dass nach dem Beitritt Maltas mit Maltesisch zum ersten Mal auch eine Sprache mit arabischem Fundament den Status einer offiziellen Sprache der EU erhalten wird.

Nüchterner als seine um kulturelle Identität besorgten Vorredner ging der deutsche Politologe Jürgen Plöhn (Universität Köln) zu Werk. Wichtiger als Toleranz seien gesetzliche Garantien für das Individuum und unabhängige Gerichte in einer pluralistischen Demokratie. So würden auch Wissen und Wahrheit zu politischen Orientierungen in einem Staat, der auf kollektive Normen verzichte. Plöhn stellte sich damit ausdrücklich in die Tradition eines protestantisch geprägten Individualismus und gegen die aristotelische Tradition. Wie die muslimisch erzogenen und teils unter der französischen Kolonialverwaltung, teils in einem politisch ganz anders geprägten Staat aufgewachsenen tunesischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer Plöhns Konzept aufnahmen, wurde freilich auch in der Diskussion nicht erkennbar.

Zurückhaltung gegenüber "kulturellem Determinismus" übte auch Maria Angels Roque vom katalanischen Mittelmeerinstitut in Barcelona. Sie verwies auf die zahlreichen Ähnlichkeiten im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben der Mittelmeerländer. Für sie, so Roque, gäbe es eigentlich keinen Konflikt der Kulturen, sondern nur einen der Interessen.


 

2. Islam - Identität - Modernität

Die zweite Teil der Konferenz gab islamischen Gelehrten Gelegenheit, ihre Vorstellungen von einem Islam vorzutragen, der modernen Entwicklungen aufgeschlossen sei, ja diese sogar mitgestalten könne. Voraussetzung sei eine "andere Lektüre" des Korans, die der Berichterstatter ohne eigenen Kommentar hier wiedergibt, so wie sie vorgetragen wurde.

Eine berühmte theologisch geprägte Hochschule im arabisch-islamischen Raum ist die Universität Ez Zitouna in Tunesien. Ihr Präsident, Professor Mohamed Toumi, nahm an der Konferenz teil. Entschieden wies er in seinem Beitrag die Auffassung zurück, die Lehre Mohammeds beinhalte religiösen Zwang. Gott habe den Menschen nicht umsonst vernunftbegabt geschaffen.

Was die "andere Lektüre" des Korans beinhaltet, ließ Mongia Souaihi, Professorin an der Zitouna, erkennen. Sie verglich den in Tunesien eingeführten code du statut personnel, ein Gesetz zur Gleichstellung der Frau, mit den Regelungen des Geschlechterverhältnisses im Koran und arbeitete entsprechende Übereinstimmungen heraus. Die Verbindung mit der politisch-gesellschaftlichen Situation in Tunesien wurde nicht geleugnet, sondern sogar unterstrichen: Die Regeln des Koran hätten ihre Gültigkeit, wie Präsident Toumi hervorhob, für alle Orte und alle Zeitalter. Für das Verhältnis von Islam und modernem Staat gelte der Grundsatz: Säkularisierung (sécularisation) ja, absolute Trennung von Staat und Religion (laicité) nein.

Was dies bedeuten kann, deutete ein Bericht von Nourddine Sraieb über die kulturelle Öffnung Tunesiens im Zuge der Reformbestrebungen Tunesiens von etwa 1840 an. Dabei handelte es sich um das präkoloniale Tunesien vor der französischen Besetzung, das noch unter starkem Einfluß des Osmanischen Reiches und seiner politischen wie geistigen Hauptstadt Istanbul stand. Sraieb arbeitete heraus, unter welchen Einflüssen die kulturelle Öffnung nach Europa erfolgte: der Beobachtung der technisch-wissenschaftlichen Fortschritte in Europa, dem Studium der osmanischen Reformen und einer Lektüre des Korans, der eine gute Ausbildung der Muslime verlangte. Auch Gelehrte der Zitouna nahmen an der Reform teil, die zu einer säkularisierten (Sraieb: "deskralisierten") Ausbildung mit Unterricht in Naturwissenschaften und Fremdsprachen führte. Dabei wurde die neue Bildung zunächst als Sache der "Gemeinschaft" betrachtet, nicht des Staats. Das feudale Regime des Beys wurde zugleich mit der Forderung nach dem "gerechten Staat" konfrontiert.


 

3. Globalisierung - Kulturelle Identität - Bildung

In seinem eigenen Beitrag beleuchtete der Berichterstatter zunächst die Chancen, die sich aus der Globalisierung ergeben. Entwicklung müsse man im Persönlichen wie im Gesellschaftlich-Kulturellen als "wechselseitige Entfaltung" verstehen. So dürfe der Entwicklungsbegriff auch nicht auf die sogenannten Entwicklungsländer beschränkt bleiben, sondern solle auch auf die führenden Länder angewendet werden. Gefragt sei eine dynamische, entwicklungsfähige Identität. Wie im persönlichen Reifungsprozess dürfe auch politisch-kulturelle Identität nicht von Phantasmen geprägt sein, sondern müsse sich in der Sphäre der Realität entwickeln. Sie müsse auch die Fähigkeit zum (interkulturellen) Perspektiven- und Rollenwechsel beinhalten und die Sprache, in der sie sich darstellt, dürfe nicht im Widerspruch zur objektiven Realität stehen. Herausbildung und Wandel von Identität sei ein an Risiken reicher Prozeß. Daher solle es dafür auch im Weltmaßstab Formen, Regeln und Einrichtungen geben, um eine "stabilisierte Evolution" der kulturellen Identitäten zu sichern. Diese Bedingungen für Herausbildung und Transformation politisch-kultureller Identität seien zugleich Grundlagen für eine dem Zeitalter der Globalisierung angemessene universitäre Bildung. Diese solle sich neben der Vermittlung fachlicher Kompetenz auf drei wesentliche Ziele konzentrieren: die Fähigkeit, die eigene Kultur im Licht realer Verhältnisse zu erkennen und im globalen Netzwerk der Kulturen zu positionieren, die Fähigkeit zur interkulturellen Verständigung, die Fähigkeit zur politisch-gesellschaftlichen Partizipation und dazu die Fähigkeit, die neuen Kommunikationsmedien kreativ und kulturgrenzenüberschreitend zu nutzen und zu gestalten.

Wie Bildungswerte und ein Bildungsdiskurs zur Deutung und Ermutigung von offener und dynamischer Identität einzusetzen sind, machten die Beiträge von Professor Mohamed Mahjoub, Direktor des Institut des Sciences Humaines de Tunis, und von Professor Angelos Scarabel aus Venedig deutlich. Während der tunesische Gelehrte mit Rückgriff auf Kant und die Hermeneutik den philosophischen Diskurs für Fragen der kulturellen Identität öffnete, zeigte Scarabel am Beispiel der Geschichte Venedigs und seiner Offenheit gegenüber dem Islam, daß im Zeitalter der Globalislierung und des damit verbundenen Perspektivenwechsels auch Geschichte umgeschrieben werden muß.


 

4. "Groupe de Carthage"

Die eingehenden Diskussionen gaben dem Kolloquium an der Karthago-Küste eine besondere Prägung. Einhellig betonte man, wie notwendig das Überleben der Kulturen und ihrer Identitäten, also die kulturelle Vielgestalt der Welt, für die Lebenskraft der Menschen sei. Wesentlich sei die Stärkung des jeweils "Anderen", verbunden mit Respekt auch vor der eigenen Tradition. Zu erreichen sei dies durch politischen Willen, durch Geschichte und Geschichten, durch Bewahrung und Entwicklung von Sprache, durch einen Mehrwert gesellschaftlich-kultureller Modernität der eigenen Kultur. Vielleicht mehr als für andere Weltteile gelte dies für den Mittelmeerraum.

Ein Vortrag des Präsidenten des Institut de la Méditerranée in Marseille, Professor William Lenne, machte klar, dass es sich dabei nicht um ein spirituelles Experiment, sondern um eine harte politische Notwendigkeit handelt. In Zahlen ausgedrückt, die zu denken geben: In Marseille gibt es inzwischen 42 Moscheen; in naher Zukunft wird Europa die heutige Bevölkerungszahl von 300 Millionen Menschen nicht mehr erreichen; die Zahl von 300 Millionen Menschen wird dann der südliche Mittelmeerraum aufweisen.

Um angesichts solcher epochale Entwicklungen nicht ganz untätig zu bleiben, beschlossen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Kolloquiums die Gründung einer kulturgrenzenüberschreitenden Arbeitsgruppe, der Groupe de Carthage. Sie soll sich mit der Lage im euro-mediterranen Raum auseinandersetzen und die Themen dieses Raums sowohl erörtern als so weit wie möglich bekannt zu machen. Wo dies geboten scheint, soll sich die Gruppe auch mit den politisch-kulturellen Themen anderer Räume befassen.

Prof. Dr. Bernd Thum

 

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